Interview mit Edit Kapcari, Head of Solutions Development

Edit Kapcari teilt mit uns ihren Blick auf das Thema Inklusion in der Tech-Branche.

Edit war Referentin bei Dev & Donuts und präsentierte ihre Insights zum Thema Microsoft Power Platform. Ihr fachlicher Fokus liegt auf Webtechnologien, Microsoft Business Applications und barrierefreiem UI/UX-Design.

Obwohl sie eigentlich Medizin studieren wollte, kam Edit 2012 mit einem Stipendium des Max-Planck-Instituts aus Albanien für ihren Master in Informatik an die Universität des Saarlandes. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als Frontend-Entwicklerin und fand dann ihren Weg in den Microsoft-Bereich als Entwicklerin für CRM-Systeme. Mittlerweile blickt Edit als Head of Solutions Development bei ORBIS SE auf eine erfolgreichen Historie von Kunden- und internen Projekten. Edit leitet das Power-Platform-Team aus neun Personen, davon sind vier Frauen.

 

Wie hast du coden gelernt?

Ich wollte eigentlich nie coden. Da ich mich sehr für den menschlichen Körper und seine Funktionsweise interessierte, wollte ich ursprünglich Medizin studieren und schließlich Chirurgin werden. Als es jedoch darum ging, mich an Unis einzuschreiben, musste ich mich zwischen vier Studiengängen entscheiden, und nach einer kurzen Recherche entschied ich mich für Computer Engineering, weil es ein sehr gefragter und gut bezahlter Beruf war. Meine Entscheidung wurde auch von meiner älteren Schwester beeinflusst, die ebenfalls Informatik studierte.

Mein Informatikstudium war eher theoretisch. Erst in meinem Beruf habe ich richtiges Coding gelernt. Anfangs empfand ich es als frustrierend und zweifelte an meinen Fähigkeiten, da ich das Gefühl hatte, nicht ausreichend gut zu sein. Diese Momente sind mir noch immer präsent. Trotzdem hielt ich durch, gestärkt durch meinen Willen, zuverlässig zu arbeiten und die gestellten Aufgaben zu bewältigen. Ich hatte keine Angst Fehler zu machen, wollte reale Probleme lösen und habe mir im Zweifel Hilfe geholt. In dieser Zeit waren Stack Overflow und ich sehr gute Freunde😊

 

Welche Werte und Policies in deinem Arbeitsverhältnis unterstützen das Gefühl der Inklusion und Gleichberechtigung?

Ich habe eure vorherigen Interviews mit all den inspirierenden Frauen gelesen und stimme ihren Erkenntnissen zu. Zwei Punkte möchte ich gerne ergänzen.

Ich finde es wichtig, unsere Branche geschlechtsneutral zu betrachten: Mit Neugier, kritischem Denken und Lernbereitschaft kann man unabhängig vom Geschlecht erfolgreich sein. Die eigene Selbstachtung führt dazu, ernst genommen zu werden, stärkt die Kompetenz und fördert das Gefühl von beruflicher Erfüllung.

Vielfalt in der IT ist eine Chance: Jeder Mensch bringt eine individuelle Geschichte und eine einzigartige Perspektive mit ins Team. Diese Perspektiven können in der Arbeitswelt von großem Nutzen sein, wenn sie gesehen und effektiv eingesetzt werden. Ein inklusives Arbeitsumfeld beginnt bei der Stellenausschreibung und reicht hinein bis in den Arbeitsalltag.

 

Warum glaubst du, dass sich Führungskräfte zum Thema Gleichberechtigung sensibilisieren müssen? Welche Maßnahmen ergreifst du als Führungskraft?

Ich habe eine Führungsrolle übernommen, um Veränderungen schneller voranzutreiben. In dieser Rolle behandle ich einfach alle fair. Beginnend mit einer gerechten Vergütung, die an Leistung ausrichtet ist. Wenn Teammitglieder zögerlich sind zu verhandeln, ist es in der Verantwortung der Manager*in für eine faire Bezahlung zu sorgen. Dies gilt besonders für Frauen oder jüngere Mitarbeitende, bei denen ich häufig Zurückhaltung erlebe.

Ich finde die Frauenquote birgt gute Chancen, wobei darauf geachtet werden sollte, nicht ausschließlich aus Quotengründen einzustellen. Das würde falsche Signale senden. Im Team arbeiten wir täglich daran, eine einladende Umgebung für alle zu schaffen. Bei Neueinstellungen betone ich den Wert „Inklusion“, der sich in Stellenanzeigen und Vorstellungsgesprächen widerspiegelt.

Empathische Führung finde ich sehr wichtig. Die Unterstützung für eine Studentin in einem fremden Land unterscheidet sich grundlegend von der für eine Mutter, die nach dem Mutterschutz wieder in den Beruf einsteigt, oder einen alleinerziehenden Vater. Das Verständnis für die vielfältigen Bedürfnisse und Potenziale des Teams, um die Arbeit zu erleichtern und die Produktivität zu steigern, ist entscheidend. Regelmäßige Einzelgespräche mit meinem Team haben sich als äußerst vorteilhaft erwiesen.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass wir noch im Entwicklungsprozess sind, da sich die Einflüsse auf unser Berufsleben kontinuierlich verändern. Auch hier gilt „Assess – Improve – Reasses“.

 

Glaubst du, dass von dir mehr erwartet wird als von deinen männlichen Kollegen?

Tatsächlich habe ich nie darüber nachgedacht. Ich glaube, es hat mit der Erziehung meiner Eltern zu tun. Sie haben drei Töchter in einem postkommunistischen Land großgezogen, die politische Situation war völlig anders, teilweise sogar gefährlich für Frauen. Für meine Eltern war es sehr wichtig, dass wir das Studium sehr ernst nehmen, damit wir völlig unabhängig und belastbar sind. Trotz aller Umstände und Bedingungen.

Diese Einstellung hat mir geholfen, mich in verschiedenen neuen Umgebungen zurechtzufinden. Sie ermöglicht es mir zu verstehen, wo ich als Individuum stehe und wie ich dazu beitragen kann, dass das Team seine Ziele erreicht.

 

Hast du schonmal unter dem Imposter-Syndrom gelitten?

Ja, ich litt lange Zeit am Imposter-Syndrom, bevor ich es identifizieren konnte. Oft dachte ich, dass mir bestimmte Fähigkeiten oder Erfahrungen fehlen. Dieses Gefühl begleitet mich weiterhin. Als jemand, der Freude am Lernen und ständigen Wandel hat, wird eine gewisse Unsicherheit wohl immer präsent sein. Ich akzeptiere diese Gefühle und will ihre Ursachen besser verstehen. So kann ich proaktiv Maßnahmen ergreifen, damit sie mich nicht überwältigen.

 

Wie hast du das nötige Selbstvertrauen in deine Fähigkeiten aufgebaut?

Als ich mich als Entwicklerin bei ORBIS bewarb, hatte ich keinerlei Kenntnisse im Microsoft-Universum. In den ersten Tagen meiner Führungsposition fühlte es sich an, als würde ich einen Test machen, für den ich nicht gelernt hatte. Das Aufbauen von Selbstvertrauen in meiner Führungsrolle ist für mich eine fortlaufende Aufgabe. Hier sind ein paar Dinge, die mir geholfen haben und mir weiterhin helfen:

  • Lernen: Das kann ich nicht genug betonen. Tauche tief in dein Thema ein. Bleibe neugierig und stelle Fragen. Erkunde auch scheinbar nicht verwandte Bereiche. Außerhalb meiner beruflichen Welt interessiere ich mich für Kunst, Psychologie oder körperliche Fitness. Diese Hobbys haben sich oft als nützlich erwiesen. Wissen gibt mir Selbstvertrauen.
  • Training: Festige das Gelernte und bringe es anderen bei. Dies verbessert nicht nur dein eigenes Verständnis, sondern generiert durch Interaktion und verschiedene Perspektiven neue Ideen.
  • Networking: Zögere nicht, Meinungen oder Tipps von anderen einzuholen (am besten weltweit; wir agieren heutzutage sehr global). Die meisten Menschen sind bereit zu helfen, und einige können unschätzbare Freund*innen werden.
  • Verletzlichkeit: Erlaube dir, verletzlich zu sein, neu zu denken oder mal den Fokus zu ändern. Sich ständig auf der Überholspur zu befinden, kann ungesund und nicht nachhaltig sein.
  • Feedback einholen: Feedback ist ein Katalysator für Veränderung. Es gibt dazu ein Zitat von Winston Churchill, das mir gefällt: “Besser werden heißt, sich zu verändern; perfekt sein heißt, sich oft zu verändern.”

Ich bin nicht die ganze Zeit selbstbewusst, aber investiere sehr viel in die Beziehung mit mir selbst. Momente des Zweifels kann ich daher besser verstehen. Durch Austausch, ständiges Lernen und intensive Vorbereitung entwickle ich mich weiter.

Wir sind stolz auf das Speakerinnen-Line-up von Dev & Donuts und inspiriert von dem geballten Input zum Thema Inklusion in der Tech-Branche. Vielen Dank, liebe Edit, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Hier könnt ihr euch mit Edit auf LinkedIn und X vernetzen.